Auf dieses Thema wurde ich durch eine jüdische Besucherin meiner Seiten aus den USA gelenkt, deren Eltern in Geisa lebten. Sie mußten 1937 Deutschland verlassen und gelangten über viele Stationen in die USA. Sie entgingen damit dem Schicksal, welches vielen anderen Juden aus Geisa einen schrecklichen Tod in deutschen Konzentrationslagern brachte.
Die Tatsache, daß solche grausamen Verbrechen auch in unseren Heimatorten geschehen konnten, unter den Augen der Einwohner und oft unter ihrer tätigen Mithilfe, hat mich stark erschüttert. Es sollte uns aber auch mahnen, wachsam zu sein und neuen Anfängen zu wehren...

Zu Beginn möchte ich auf die für mich hilfreichste Lektüre hinweisen: Hans Nothnagel: Juden in Südthüringen Bd.5, Verlag Buchhaus Suhl. Der Herausgeber und die Autoren haben das Thema ortsbezogen sehr umfassend aufgearbeitet.

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Geisa liegen im Dunkeln. Wie so oft sind die ersten Urkunden, in denen von Geisaer Juden die Rede ist, Verbote: Ein Fuldaer Fürstabt verbot 1550 den Juden, sich nicht in die Belange der Zünfte einzumischen haben, d.h. sie durften keine Handwerksberufe ausüben. Somit blieben ihnen nur das Handeln und Geldverleihen.
Ein Fürstabt war es dann auch, der die Vertreibung aller Juden aus dem Fuldaer Hochstift anordnete. Etwa 2000 Juden mußten daraufhin Fuldaer Besitz verlassen. Oftmals siedelten sie sich in Orten in der Nähe an, die nicht zu Fulda gehörten. Ab wann sie wieder nach Geisa zurückkehren durften, ist nicht bekannt, doch dürften die ältesten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof vom Ende des 18.Jh. stammen.
Mit Napoleon kamen auch neue Gesetze: Alte Standesprivilegien wurden abgeschafft und alle Menschen wurden Bürger. Doch kaum waren die Franzosen unter großen Opfern auch der deutschen Juden vertrieben, wurde alles wieder wie es war im Umgang mit den Juden. Sie mußten Schutzgelder bezahlen, wurden in den Gewerken beschränkt und es wurde ihnen der Erwerb von Grundstücken erschwert. Noch 1825 wurden sie in der Stadtordnung als "Nichtbürger" bezeichnet.
Trotz aller Einschränkungen gelang es auch den Geisaer Juden, eine eigene kleine Gemeinde aufzubauen: Seit Beginn des 19.Jh. muß es am "Judenhaugk" ein Synagoge gegeben haben. Sie wurde jedoch 1858 beim großen Stadtbrand ein Raub der Flammen. 1861/62 errichtete sich die jüdische Gemeinde ein neues Gotteshaus. (Im Bild rechts hinten)
Diese Synagoge wurde jedoch in der "Reichs-kristallnacht" 1938 unter Leitung der örtlichen SA in Brand gesteckt und zerstört. Die Schaufenster jüdischer Geschäfte werden einge-worfen und geplündert. Besonders junge Geisaer Bürger beteiligen sich an dieser Aktion. Diese Vorfälle waren nur der Höhepunkt eines sich seit Jahren steigernden Antisemitismus in Geisa. Die zerstörte Synagoge wurde 1940 abgerissen. Heute steht an ihrer Stelle ein Gedenkstein.
1933 begann auch für Geisaer Juden ein für uns heute unvorstellbarer Leidensweg:
Wurden sie zunächst "nur" von öffentlichen Ämtern und aus Vereinen ausgeschlossen, begannen ab 1936 auch Ausschreitungen und Tätlichkeiten. Jüdische Händler bekamen ab 1936 auf Anweisung des Bürgermeisters Koch einen "besonderen Platz" auf dem Markt zugewiesen, zwei Jahre später werden ihre Geschäfte durch "Arier" übernommen.
Doch nach der Pogromnacht sollte alles noch schlimmer kommen: Nach 1938 wurden auch Geisaer Juden in Konzentrationslager deportiert und damit der systematischen Vernichtung übergeben.
Die erschütternde Bilanz: 20 Juden wurden aus Geisa deportiert, nur sieben von ihnen überlebten diesen Wahnsinn. Sie wollten jedoch nicht in ihrer alten Heimat bleiben und haben heute, so wie meine neue Bekannten, irgendwo auf der Welt eine neue Heimat gefunden.